Coloniality under De_Construction (2017S)

Dekoloniale Perspektiven und Aktivismen

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

In der Ringvorlesung möchten wir uns durch Inputs verschiedener Vortragender, Aktivist_innen und Kollektive damit auseinandersetzen, inwiefern sich heutzutage noch immer (post-)koloniale Strukturen in der Gesellschaft fortschreiben, und wie diese aus dekolonialen, machtkritischen und intersektionalen Perspektiven reflektiert, verändert und überwunden werden können.

 

Mit dem Begriff "Kolonialität" (engl. Coloniality) wird eine globale Struktur bezeichnet, die auch nach den großen Wellen der formalen Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien gegenwärtig ist und die herrschenden ökonomischen, politischen und epistemischen Verhältnisse und Vorstellungen von der Welt prägt. Wenn wir von und über Kolonialität sprechen, geht es nicht nur um ein abstraktes theoretisches Konzept oder um imaginierte "exotische" Orte. Koloniale Strukturen befinden sich nach wie vor "under construction" und manifestieren und materialisieren sich auf vielfältige Art und Weise: zum Beispiel in Form von Alltagsrassismen, von denen nicht-weiße Menschen täglich betroffen sind, in der Delegitimierung von nicht-westlichen Wissensformen und -organisationen, in sexistischen und trans*feindlichen Politiken und in der im Laufe der europäischen kolonialen Expansion geschaffenen internationalen Arbeitsteilung. Die im Kolonialismus gewaltvoll festgeschriebene Opposition zwischen einem als souverän imaginierten, weißen, männlichen, heterosexuellen Subjekt und den kolonialisierten Anderen bestimmt weltweit Machtverhältnisse und Denkmuster. Die dominante Geschichtsschreibung ist von diesem männlichen und weißen bzw. westlichen Blick geprägt - eine Historiographie über die Anderen, die dabei selten zu Wort gekommen sind. Dies steht im Kontrast zu Bewegungen und Kämpfen gegen Kolonialität, die es immer schon gegeben hat und weiterhin gibt.

 

In diesem Semester soll es nun einerseits darum gehen, wichtige Begriffe und Theorien für die Auseinandersetzung mit Kolonialität und dekolonialen Perspektiven zu klären. Andererseits soll aktuellen dekolonialen Initiativen und Aktivismen Raum gegeben werden. Es geht um eine Reflexion darüber, wie wir selbst in einer (post-)kolonialen Welt positioniert sind, welche kolonialen Kontinuitäten sich in Wien, in Österreich, in uns selbst fortschreiben. Wer, wie und was kann/soll v_erlernen und v_erlernt werden?

 

Die Vorlesungsreihe ist in fünf thematische Blöcke unterteilt: nach der theoretischen und begrifflichen Einführung geht es um die De_Kolonialität von Körpern und Sexualität(en). In einem dritten Block geht es um akademische und urbane Räume. Anschließend werden dekoloniale Methoden vorgestellt, hinsichtlich empirischer Forschung, politischem Theater sowie Schwarzer österreichischer Geschichte. Der letzte Block beschäftigt sich mit den (Un)Möglichkeiten dekolonialer Ansätze auf polit-ökonomischer Ebene. In der Abschlusseinheit wird es voraussichtlich um queer-feministischen migrantischen Aktivismus und die kritische Aneignung von Sprache in Österreich gehen. Außerdem soll Raum für ein Resümee und offene Fragen sein.